Alexithymie und Biofeedback (Putica 2022)

Studien-Steckbrief

Autoren Putica A., O’Donnell M.L., Felmingham K.L., Van Dam N.T.
Institution Universität Melbourne, Australien
Journal Psychological Medicine (Cambridge University Press)
Jahr 2022 (Ausgabe September 2023)
DOI 10.1017/S0033291722001477
PubMed PMC10482720
Produkte eSense Skin Response + eSense Pulse
Teilnehmer 74 traumaexponierte Erwachsene (85 % mit wahrscheinlicher PTBS)

Was wurde untersucht?

Forscher der Universität Melbourne untersuchten, ob Alexithymie — die Schwierigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen und zu benennen — mit einer emotionalen Reaktionsdiskordanz zusammenhängt. Als Diskordanz bezeichnen die Forscher die Nichtübereinstimmung zwischen dem subjektiven Erleben einer Person (was sie über ihre emotionale Verfassung berichtet) und der messbaren physiologischen Erregung (Hautleitwert, Herzrate). Diese Frage wurde speziell bei Erwachsenen mit Traumaerfahrungen untersucht, da Alexithymie in dieser Gruppe besonders häufig vorkommt und möglicherweise den Therapieerfolg beeinflusst.

Methodik

74 traumaexponierte Erwachsene nahmen an einer einmaligen Laborsitzung teil (50 weiblich; Durchschnittsalter 32,72 Jahre). 52 Personen kamen aus einer PTBS-Behandlungsklinik, 22 waren Psychologiestudierende der Universität Melbourne. 85 % der Teilnehmer wiesen Werte im wahrscheinlichen PTBS-Bereich auf; 49 % erfüllten die Kriterien für Alexithymie (gemessen mit der Toronto Alexithymia Scale). Jede Person durchlief zwei Phasen: zunächst ein zehnminütiges neutrales Naturskript, dann ein individualisiertes dreiminütiges Traumaskript. Während beider Phasen wurden kontinuierlich physiologische Reaktionen (Hautleitwert, Herzrate) und subjektive Stimmungsberichte (Profile of Mood States, POMS) erfasst und verglichen.

Mindfield-Produkte in dieser Studie

Beide Mindfield-Sensoren wurden in Kombination eingesetzt, um ein mehrdimensionales physiologisches Reaktionsprofil zu erstellen:

eSense Skin Response: Zur Messung der elektrodermalen Aktivität (EDA/GSR). Die Elektroden wurden am Mittel- und Zeigefinger per Klettverschluss befestigt (Abtastrate 5 Hz; Messbereich 10 kOhm bis 1 MOhm; 18-bit-Auflösung auf 0,01 µS gerundet). Die GSR-Daten wurden logarithmisch transformiert und bildeten die erste physiologische Messgröße.

eSense Pulse: Zur kontinuierlichen Herzratenmessung über RR-Intervalle (Abtastrate 5 Hz; EKG-Signale mit 500 Hz über Brustgurt-Sensor; Übertragung via 2,4 GHz; Messbereich 20–240 BPM; Genauigkeit ±2 BPM). Die Herzratendaten bildeten die zweite physiologische Messgröße für die Diskordanzanalyse.

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Ergebnisse

Die Forscher fanden einen statistisch signifikanten Interaktionseffekt zwischen Alexithymie-Ausprägung und dem Ausmaß der emotionalen Reaktionsdiskordanz über die beiden experimentellen Phasen (F(1,37) = 8,93; p = 0,006). Die Ergebnisse zeigten ein klares Muster:

Gruppe mit niedriger Alexithymie: Diese Teilnehmer zeigten während des Traumaskripts eine signifikante Veränderung ihrer emotionalen Konkordanz im Vergleich zum neutralen Skript (von M = 2,57 auf M = -0,32; p < 0,001). Das bedeutet: Subjektives Erleben und physiologische Aktivierung stimmten beim Trauma-Recall erwartungsgemäß weniger überein — ein typisches Reaktionsmuster auf emotionale Reize.

Gruppe mit hoher Alexithymie: Bei diesen Teilnehmern war keine bedeutsame Veränderung der Konkordanz zwischen Neutral- und Traumaphase nachweisbar (von M = -0,21 auf M = -0,51; p = 0,50). Die Diskordanz war bereits in der neutralen Ausgangsbedingung vorhanden und blieb konstant — unabhängig vom emotionalen Reiz. Hochalexithyme Teilnehmer berichteten zudem über stärkeres subjektives Leid, obwohl ihre physiologische Aktivierung gleichermaßen niedrig blieb. Dieser Diskordanzeffekt ließ sich statistisch nicht allein durch den PTBS-Schweregrad erklären.

Bedeutung

Diese Studie ist nach Aussage der Autoren die erste empirische Untersuchung, die gezielt prüft, wie Alexithymie die emotionale Konkordanz bei Traumaüberlebenden beeinflusst. Sie wurde im hochrangigen Journal Psychological Medicine (Cambridge University Press) peer-reviewed veröffentlicht.

Für die wissenschaftliche Einordnung der Mindfield-Produkte relevant: Beide eSense-Sensoren wurden in einem kontrollierten klinischen Forschungskontext der Universität Melbourne eingesetzt und lieferten replizierbare physiologische Messdaten in einer klinisch bedeutsamen Patientengruppe. Die Studie ist zugleich inhaltlich relevant für das Anwendungsfeld Biofeedback: Da Biofeedback-Verfahren auf der Wahrnehmung und Regulation physiologischer Signale basieren, ist die Frage, wie Alexithymie diese Körperwahrnehmung beeinflusst, direkt klinisch relevant.