PTSD-Vorhersage durch Hautleitfaehigkeit (Hinrichs 2019)

Studien-Steckbrief

Autoren Hinrichs R., van Rooij S.J.H., Michopoulos V., Schultebraucks K., Winters S. et al.
Institution Emory University Atlanta, USA
Journal Chronic Stress (SAGE)
Jahr 2019
DOI 10.1177/2470547019844441
PubMed PMC6553652
Produkt eSense Skin Response
Teilnehmer 95 Trauma-Patienten (Notaufnahme)
Follow-up 12 Monate

Was wurde untersucht?

Die Forscher der Emory University untersuchten, ob die Hautleitwertreaktion — gemessen unmittelbar nach einem Trauma-Ereignis in der Notaufnahme — die spätere Entwicklung einer chronischen posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) vorhersagen kann. Die zentrale Frage lautete: Kann ein einfaches, mobil einsetzbares physiologisches Messverfahren direkt in der Notaufnahme genutzt werden, um Hochrisiko-Patienten frühzeitig zu identifizieren? Dies wäre die erste prospektive Studie dieser Art.

Methodik

95 Personen wurden im Durchschnitt 4,2 Stunden nach ihrem Trauma-Ereignis in der Notaufnahme des Grady Memorial Hospital (Atlanta, einem Level-1-Traumazentrum) eingeschlossen. Die Teilnehmer — 44 % weiblich, 82 % afroamerikanisch — hatten verschiedene Traumatypen erlebt: Verkehrsunfälle (43 %), Messerstechereien (9 %), körperliche und sexuelle Übergriffe sowie weitere. Die Hautleitwertreaktion wurde während eines standardisierten Trauma-Interviews erfasst. Alle Teilnehmer wurden über 12 Monate nachbeobachtet, mit Messungen nach 1, 3, 6 und 12 Monaten. Die statistische Auswertung nutzte unter anderem Latent Growth Mixture Modeling (LGMM), um individuelle PTBS-Verläufe zu identifizieren.

Mindfield-Produkt in dieser Studie

Die Hautleitwertmessung erfolgte mit dem eSense Skin Response von Mindfield Biosystems auf einem iPad (iOS 10). Die Elektroden wurden an den Mittelphalangen von Mittel- und Zeigefinger der nicht-dominanten Hand angebracht, die Abtastrate betrug 5 Hz. Nach einer zweiminütigen Ruhephase zur Basislinienbestimmung wurde die Reaktion während eines 41-Item-Trauma-Interviews (Standard Trauma Interview) aufgezeichnet. Die Forscher verweisen ausdrücklich auf die zuvor veröffentlichte Validierungsstudie von Hinrichs et al. 2017 (r = 0,94 gegenüber Laborstandard) als methodische Grundlage.

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Ergebnisse

Die Forscher identifizierten mittels statistischer Trajektorienanalyse drei klar unterscheidbare PTBS-Symptomverläufe: Personen mit chronisch hoher Symptomatik (10,9 %), solche die sich erholten (32,9 %) und resiliente Personen mit durchgehend niedriger Symptomatik (56,2 %).

Die zentralen Befunde zur Vorhersagekraft der Hautleitwertreaktion:

  • Personen mit späterer chronischer PTBS wiesen in der Notaufnahme signifikant höhere Hautleitwertreaktionen auf als resiliente Personen (p < 0,0000001) und sich erholende Personen (p = 0,005)
  • Die Korrelation zwischen der Hautleitwertreaktion und der chronischen PTBS-Trajektorie betrug r = 0,489 (p < 0,000001)
  • In der statistischen Regressionsanalyse stellte sich die Hautleitwertreaktion als stärkster Einzelprädiktor heraus — stärker als Trauma-Typ, subjektive Schwere, Depressionssymptome oder Kindheitstraumata
  • Die Fläche unter der ROC-Kurve (AUC) betrug 0,90 (95 %-KI: 0,80–0,99) — ein Wert, der auf eine ausgezeichnete Diskriminationsfähigkeit hinweist

Bedeutung

Diese Studie ist nach Aussage der Autoren die erste prospektive Untersuchung, die zeigt, dass die Hautleitwertreaktion unmittelbar nach einem Trauma den späteren Verlauf einer chronischen PTBS vorhersagen kann. Besonders bemerkenswert ist, dass der physiologische Messwert stärker prädiktiv war als etablierte klinische Risikofaktoren. Die Forscher bezeichnen die mobile eSense-Messung ausdrücklich als „kostengünstige und einfach anwendbare Methode“ für Notaufnahmen und Sanitäter im Feld.

Für die wissenschaftliche Einordnung wichtig: Die Studie nutzte ein Consumer-Gerät (eSense Skin Response) in einem hochgradig klinischen Umfeld und erzielte dabei Ergebnisse, die mit klinisch validierten Messprotokollen vergleichbar sind. Die Autoren weisen selbst auf die vergleichsweise kleine Stichprobe (N = 95) und die Notwendigkeit weiterer Replikationsstudien hin.